Emulgatoren in Hautpflegeprodukten – eine unterschätzte Belastung der Hautbarriere?
Emulgatoren in Hautpflegeprodukten –
eine unterschätzte Belastung der Hautbarriere?
Tenside sind zum Waschen da …
Tenside, das sind waschaktive Substanzen, die die Oberflächenspannung von Wasser herabsetzen und chemisch als „Brückenbauer“ zwischen Wasser und Fett wirken. Mit Ihrer Hilfe wird fettiger Schmutz gelöst und wegspülbar. Tenside haben diese Fähigkeit ihren einerseits hydrophilen (wasserliebenden) und andererseits lipophilen (fettliebenden) molekularen Eigenschaften zu verdanken. Sie werden dementsprechend eingesetzt als Spülmittel, Allzweckreiniger und Waschmittel sowie in Shampoos, Duschgelen, Seifen und Zahnpasta.
Emulgatoren in der Kosmetik
Der umfängliche Einsatz von Emulgatoren in Cremes und Lotionen ist bekannt. Dabei denkt man weniger daran, dass jeder Emulgator auch ein Tensid ist. Tenside, die als Emulgatoren dienen, verbinden in den Kosmetika die Ölphase mit der Wasserphase, und werden als unabdingbare Voraussetzungen einer stabilen Creme oder Lotion angesehen. Für diese Funktion spielt es keine Rolle, ob das verwendete Tensid pflanzlichen oder synthetischen Ursprungs ist. Emulgatoren werden passend zu der Rezeptur und gewünschten Konsistenz einer Creme, Salbe oder Lotion gewählt, und die wichtigste Einteilung unterscheidet zwischen Öl-in-Wasser (O/W) und Wasser-in-Öl-Emulgatoren. Die folgende Liste gibt einige Beispiele häufig verwendeter Emulgatoren.

Abwaschen oder drauf lassen?
In der Kosmetik muss zwischen abwaschbaren Produkten („rinse off“) und auf der Haut verbleibenden Produkten („leave on“) unterschieden werden. Dient das Produkt der Reinigung, wird das eingesetzte Tensid, der Emulgator, abgewaschen, dient das Produkt der Hautpflege, verbleibt das Tensid/der Emulgator auf der Haut. Der Emulgator, der im Hautpflegeprodukt eine stabile, angenehme Verbindung von Wasser mit Öl sicherstellen soll, verbleibt also mit der Creme oder Lotion auf der Haut. Er kann nicht zwischen Hautfett und Ölphase des Pflegeproduktes unterscheiden, und genau hierdurch kann für die Hautbarriere ein ernstes Problem entstehen. Die regelmäßige Verwendung eines Leave-on-Präparates führt in unterschiedlichem Umfang zur Auswaschung hauteigene Lipide aus der Haut. Veröffentlichungen zu diesem Thema finden sich bereits 1997 z.B. bei Misra, Ananthapadmanabhan et al. (1). Die Forschergruppe konnte elektronenmikroskopisch zeigen, dass Tenside interzelluläre Lipidstrukturen der Hornschicht schädigen, was mit erhöhtem transepidermalem Wasserverlust korreliert.
Der Auswascheffekt ist besonders ausgeprägt bei Öl-in-Wasser (O/W) Emulsionen, die z.B. als Körperlotionen, Body Milk, Tagescremes, leichten Handcremes oder After-Sun-Lotionen breite Anwendung finden. Sie kühlen durch hohen Wassergehalt und ziehen sehr schnell in die Haut ein. Wer wünscht sich nicht diese schönen Effekte? Unbemerkt von dem Anwender lagern sich beim Auftragen der Pflegeprodukte die O/W-Emulgatoren in der Hornschicht der Haut an und binden dabei an hauteigene Fette. Mit Wasser beim nächsten Waschen oder auch einfach mit dem Schweiß werden sie dann aus der Haut ausgewaschen. Durch das Herauslösen von Lipiden aus der Haut wird die Hautbarriere spröder, die Haut neigt zu Feuchtigkeitsverlust und Trockenheit und kann ihre Schutzfunktion nicht mehr voll umfänglich gewährleisten. Um das Austrocknen der Haut zu vermindern und die Konsistenz des Produktes zu optimieren, werden verschiedene Strategien gewählt: den Cremes oder Lotionen werden z.B. Silikonöle, Feuchthalte- und Gleitmittel beigemischt. Derartige Stoffe können allerdings die Barriere-Störungen langfristig noch verschärfen, wenn sie durch Okklusion, also durch Bildung von feinen Oberflächenfilmen auf der Haut, zu einem tieferen Eindringen der Emulgatoren in die Haut beitragen. Die Verwendung von Emulgatoren im Bereich der Leave-on-Kosmetik stößt bei manchen einen Teufelskreis an, in dem die Haut durch den Auswascheffekt vermehrt nach Pflege verlangt, die wiederum zum weiterem Auswaschen beiträgt. So stellen sich eventuell unbemerkt Abhängigkeiten vom Pflegeprodukt ein.
Der negative Einfluss von Emulgatoren auf die Hautgesundheit in der Leave-on-Kosmetik, wurde bislang, so scheint es, oftmals ausgeblendet. Naturkosmetik genauso wie die komplex zusammengestellten Produkte renommierter Kosmetik-Hersteller verwenden unterschiedliche Mischungen der Oberflächen aktiven Substanzen und werben gleichzeitig mit Verträglichkeit und Unbedenklichkeit.
Emulgatoren schädigen jedoch die Hautbarriere zumindest dadurch, dass sie, wenn auch in sehr unterschiedlichem Umfang, Barriere-Lipide herauslösen und deren geordnete Struktur stören. Leave-on-Kosmetik, die Emulgatoren verwendet, kann vor diesem Hintergrund auch kritisch betrachtet werden.

Stabile Cremes und Lotionen ohne Emulgatoren?
Hautpflege ist mit zunehmendem Alter ein wichtiger Faktor für Wohlbefinden und Hautgesundheit. Haut wird durch Beanspruchung spröde, rissig und kann durch fehlendes Eigenfett zu Juckreiz und Ekzemen führen. Geeignete Pflegeprodukte mit schöner Konsistenz sind daher unverzichtbar.
Ob Creme oder Lotion, gibt es überhaupt emulgatorfreie Lösungen für die Herstellung stabiler, geschmeidiger Produkte? Lassen sich Wasser- und Ölphase auf hautverträgliche Weise tensidfrei verbinden? Lassen sich Cremes und Lotionen auch ohne Emulgatoren herstellen, so dass der hauteigene Lipidschutz intakt bleibt?
Die kurze Antwort ist: Ja. Pickering-Emulsionen zeigen, dass stabile Emulsionen grundsätzlich auch ohne klassische Emulgatoren möglich sind: auch so lassen sich homogene Hautpflegeprodukte mit weicher Konsistenz herstellen.
Pickering-Emulsionen verwenden z.B. feinste, pyrogen gewonnene Kieselsäure (INCI: Silica) Mikropartikel. Die amorphen Kieselsäurepartikel lagern sich fest an die Öl-Wasser Phasengrenzen, umschließen die feinsten Tröpfchen und verhindern dadurch sicher ein Zusammenfließen der Tröpfchen und Phasentrennung. Eine Pickering-Emulsion mit Silica hat den angenehmen Zusatzeffekt, dass sie die Haut besonders glatt werden lässt.
Anstelle von Silica können auch andere umweltfreundliche Materialien wie Tonminerale (Bentonit), Metalloxide (Zinkoxid), modifizierte Maisstärke oder auch Proteine eine Pickering-Emulsion ermöglichen, so dass sich einer experimentierfreudigen Kosmetikindustrie viele Möglichkeiten eröffnen.
Erst 2022 veröffentlichte das Open Access Journal Cosmetics über MDPI (Multidisciplinary Digital Publishing Institute) interessante Forschungsergebnisse zu emulgatorfreien Pickering-Experimenten (2). Bislang scheint das aber noch nicht zu weit verbreiteten tensidfreien Alternativen geführt.
Einige innovative Kosmetikhersteller versuchen die Verwendung von Emulgatoren dadurch zu vermeiden, dass sie Zwei-Phasen-Produkte anbieten, die vor Gebrauch geschüttelt werden müssen.
Die emulgatorfreie, stabile Verbindung von Wasser und Öl ist aktuell noch Neuland. Unter dem Gesichtspunkt von Hautgesundheit und nachgewiesener Machbarkeit von Kosmetik ohne Emulgatoren, wäre es lohnend, wenn durch gezielte Forschung derartige Produkte in großem Stil produziert und kostengünstig verfügbar würden.
Hinweis
Alle DR. FREIA HÜNIG Produkte sind konsequent emulgatorfrei.
Referenzen
(1) Misra, M.; Ananthapadmanabhan, K. P. et al.: Correlation between surfactant-induced ultrastructural changes in epidermis and transepidermal water loss; J. Soc. Cosmet. Chem., 48, 219-234 (September/October 1997).
(2) Tafuro, G.; Di Domenico, E.; Costantini, A.; Francescato, S.; Busata, L.; Baratto, G.; Semenzato, A.: Stability and Application Properties of Surfactant-Free Cosmetic Emulsions: An Instrumental Approach to Evaluate Their Potential. Cosmetics 2022, 9, 123.
https://doi.org/10.3390/cosmetics9060123